Textatelier
BLOG vom: 24.02.2009

Käseliebhaber im beliebten Schloss der Herren von Liebegg

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Bei Dunkelheit stiegen wir von den Höfen Liebegg auf der steil ansteigenden Asphaltstrasse hinauf zum Schloss, ehemals die Stammfeste des Ritterhauses von Liebegg. Es stand zuerst in kyburgischen, dann in habsburgischen Diensten. Doch nichts währet ewiglich: Schon vor dem Jahr 1500 ist das Geschlecht der Ritter von Liebegg ausgestorben, und von der ehemaligen mittelalterlichen Burg ist eigentlich nur noch der Grundriss erhalten. Immer wieder wurde aufgebaut, wenn Altes aus irgendwelchen Gründen hinweggerafft oder weggeschafft worden war. So entstand, wo einst die alte Burg gestanden hat, der 1561/62 erstellte, elegante, hohe, spätgotische Wohnbau, den Augustin von Luternau bauen liess und der deshalb Luternauhaus genannt wird, das auf jedem Stockwerk einen einzigen Raum mit Stuckdecken, Täfer, Beschlägen, Cheminées usf. enthält. Diese festlichen Räume können heute für Tagungen, Seminare und dergleichen gemietet werden.
 
Die Anlage, wie sie jetzt etwa 70 m oberhalb des Wynentals bei Bleien (zwischen Gränichen und Teufenthal AG) auf einer bewaldeten Hügelzunge am Rande des Liebeggerwalds steht, erstrahlte im schönsten Licht. Bei der winterlichen, nächtlichen Stimmung trat die von unten dezent beleuchtete Fassade des 1982/83 renovierten Luternauhauses bis zum Dachvorsprung milde strahlend aus dem dunklen Hintergrund hervor. Der so genannte „Schneggen“, der auf der Westseite angebaute Rundturm, welcher die Verbindung zwischen den Stockwerken sicherstellt, verhalf dem Bauwerk zu einer zusätzlichen Eleganz.
 
Die Schlossanlage und die Hofbauten mit einem Landanteil von 15,5 Hektaren gehören seit 1946 dem Kanton Aargau. Selbstredend ist es wichtig, dass solch eine Anlage mit Leben erfüllt wird. Dafür sorgt der Verein Schloss Liebegg, CH-5722 Gränichen (www.schloss-liebegg.ch) mit Einfühlsamkeit und Geschick. Präsident Magnus Würth ist ein Glücksfall für Schloss und Verein; er hat Ideen, Kontakte, leistet zusammen mit seiner zupackenden, charmanten, aus der Ostschweiz stammenden Frau Vera und all den Vorstandsmitgliedern eine Riesenarbeit. Er braucht keinen Harnisch, denn diese gross gewachsene Persönlichkeit, die einen abgeklärten Eindruck macht, hat etwas Würdig-Ritterliches und dennoch Zugängliches von Natur aus an sich.
 
Da ich mir noch einen Rest von Unterwürfigkeit gegen die Oberen erhalten konnte, folgte ich dem Aufgebot von Magnus Würth zum 3. Fondue- und Raclette-Obig vom 20.02.2009 in der Schloss-Schüür (Stallscheune, errichtet 1617/18 unter Reinhart Graviset, restauriert 1998/2002), Gehorsamkeit bekundend. Eingedenk des Umstands, dass es sich bei der Liebegg um eine ehemalige Doppelburg (alte Burg auf der Hügelkuppe, neue Burg eine Geländestufe tiefer) handelt, entschloss ich mich zu einem Doppelgericht: Fondue und dann Raclette. Noch nie in meinem Leben habe ich am gleichen Abend beides gegessen – und noch immer weiss ich nicht so richtig, welches denn besser schmeckt. Beides war rahmig-käsig, schmackhaft und nicht zu salzig. Unvergleichlich.
 
Das Fondue genoss ich zusammen mit meinem Tischnachbarn Hanspeter Setz, der früher in Dintikon AG ein grosses Lastwagenunternehmen betrieb – die „Setz“-Lastwagen waren auf allen Strassen anzutreffen. Das Unternehmen verkaufte er an die Post, und im Gegenzug erwarb er die alte Bally-Fabrik in Dottikon, in deren Annexbauten er sein Oldtimer-Museum einrichtete. Wir schwelgten in Erinnerungen. Der tüchtige Unternehmer griff immer engagiert in die Politik ein, verbreitete seine eigene Zeitung mit Artikeln, die seiner Ansicht nach unbedingt eine weitere Verbreitung finden mussten und griff gelegentlich auch selber zur Feder. Besonders stolz war ich, wenn eine meiner eigenen journalistischen Arbeiten die Gnade einer weiteren Verbreitung in den gesammelten Setz-Blättern gefunden hatte. Obschon ich als Redaktor am „Aargauer Tagblatt“ häufig gegen den überbordenden Strassenbau zur Förderung des Individualverkehrs wetterte, tat dies unseren Beziehungen keinerlei Abbruch – im Gegenteil: Wir empfanden eine ausgesprochene Wertschätzung für einander, die bis heute anhielt und beim gemeinsamen Fondue-Genuss noch gefestigt wurde. Das Debakel, das gerade um die von den USA erpresste UBS ablief, schätzten wir ähnlich ein. Es sind Attacken gegen den erfolgreichen Bankenplatz Schweiz mit dem Ziel der Ausschaltung eines Konkurrenten – es geht um Macht und Geld.
 
Mir gegenüber sass ein weiterer Unternehmer, der Wirtschaftsgeschichte geschrieben hat: Andreas Zehnder, der zusammen mit seinem Bruder Hans-Jakob in 3. Generation die als mechanische Werkstätte 1895 gegründete, heute international tätige Zehnder Group in CH-5722 Gränichen, leitete; er war für den Verkauf zuständig. Die Fabrik ist am Dorfausgang von Gränichen von der Liebegg entfernt. Zwischen 1923 und 1929 wurden dort die „Zehnder“-Kleinmotorräder fabriziert; doch liess der Absatz zu wünschen übrig; heute sind die Zehnder-Töffli begehrte Sammlerobjekte, für die bis zu 15 000 CHF bezahlt werden.
 
Wie mir Andreas Zehnder erzählte, wurden die Kenntnisse im Zusammenschweissen von Stahlrohren anschliessend für die Herstellung von Heizkörpern (Radiatoren) eingesetzt. Diese Produktion entwickelte sich derart erfolgreich, dass 1964 auch eine Fabrikationsstätte in Süddeutschland und 1972 einer weitere in Frankreich aufgebaut werden konnten. Die Produktegestaltung auf der Basis von Stahl war wesentlich beweglicher als bei den Guss-Radiatoren, welch letztere denn auch aus dem Markt verschwunden sind. Andreas Zehnder, der in dieser Phase leitend tätig war, hatte im Ausland viele Architekten aufgesucht und diesen sein Heizsystem vorgestellt. Seit 1989 ist die im Ausland weiterhin gewachsene Zehnder Group AG (CIO: Hans-Peter Zehnder) an der Börse kotiert. Das gross gewordene Familienunternehmen hat die Zeichen der Zeit offensichtlich immer richtig gedeutet: In Anbetracht des heute üblichen Minergie-Standards werden seit 2001 auch Komfortlüftungen angeboten.
 
Die Fonduebrenner und die Racletteöfen, die alle Heizelemente voll zu tun hatten, heizten die Schloss-Schüür, welche die 150 Käseliebhaber (der Anlass war öffentlich) kaum zu fassen vermochte, genügend auf, und eine spezielle Lüftung, die den Käseduft abzuführen hatte, erübrigte sich; denn bei Altbauten, die nicht vollkommen abgedichtet sind und also noch atmen können, wird die Luft ohnehin ausgetauscht. Und inzwischen war die Zeit für ein Stück am Laufmeter gebackenen Torte aus der Bäckerei Steiner in CH-5723 Teufenthal angekommen, ein luftiger Schaum aus Schlagrahm und Eiweiss mit einem starken Kirsch-Geschmack.
 
Beim Dessert lernte ich den Schlossherrn der nahen Trostburg, Ernst Brunner, kennen. Die traditionell guten Beziehungen zwischen den beiden Schlössern sind also noch intakt. Die in der Nachbargemeinde Teufenthal stationierte Trostburg hatte ursprünglich stammesverwandtschaftliche Beziehungen mit der Liebegg und damals dasselbe Wappen, nämlich einen weiss und blau geschachten Pfahl auf rotem Grund. Ohne den neuen Trostburg-Besitzer, der viele Millionen in die Anlage investiert hat, wäre die Burg wahrscheinlich im Zerfall begriffen, also in einem trostlosen Zustand – jetzt aber ist sie richtig aufgeblüht und geschmackvoll renoviert und rekonstruiert, bis ins Detail.
 
So rundete sich ein Kapitel Unterwynentaler Geschichte und Industriegeschichte auf angenehme Art. Ich erfrischte mich bei einem Augenschein im Liebegger Schlosshof, der von Ökonomiegebäuden und dem Diesbachhaus unter Satteldächern flankiert ist und den eine dünne Schneeschicht aufhellte, wie es die Familien der Liebegger, der Luternau, der Graviset, der von Diesbach und der Hunziker oft getan haben mögen. Ich liess die Vergangenheit noch einmal auf mich einwirken und wagte mich in die Neuzeit zurück, dorthin, wo neue Geschichte entsteht.
 
Hinweis auf weitere Blogs über die Liebegg
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